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Fatoni: Live im Autokino Bonn – 02.06.2020

7. Juni 2020 von

Fatoni bei Bonn Live ©Nelle Fatoni bei Bonn Live ©Nelle

Vor rund einem Monat habe ich hier beim Abriss Magazin über das Autokonzert von Sido in Düsseldorf berichtet und dabei festgestellt, dass diese Konzerte zwar eine Alternative darstellen, aber sich noch lang nicht nach Normalität anfühlen. Nachdem die Anzahl der Autokonzerte stetig zugenommen und die Umsetzung sich weiterentwickelt hat, habe ich es einen Monat später erneut gewagt – und ich bin positiv überrascht von dem, was das Autokino Bonn mit seiner Eventreihe “Bonn.live” auf die Beine gestellt hat.

Beim Beladen des Autos ereilte mich ein Déjà-vu. Großartig anders als vor meinem ersten Autokonzert fühlte sich das alles nicht an – mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass ich diesmal auf dem Beifahrersitz saß und neben Konzertticket und Snacks auch eine Flasche Wein auf der Packliste stehen hatte. Ansonsten waren meine Erwartungen dieselben. Ein paar Stunden Autobahn, dann eine kleine Plattform vor einem riesigen Bildschirm, nach jedem Song hupen, hier und da mal auf die Warnblinkertaste drücken. Das soll nicht heißen, ich hätte mich nicht gefreut, ganz im Gegenteil sogar. Das Sido-Konzert ist mir in guter Erinnerung geblieben (trotz der kurz danach folgenden Debatte bezüglich Sidos Position zu Verschwörungstheoretiker*innen), aber ich war der Meinung, ich wüsste genau, was mich in Bonn erwarten würde. Dass ich mich dabei geirrt hatte, wurde spätestens klar, als noch vor der Auffahrt die ersten “Hupen verboten”-Schilder sichtbar wurden.

Pünktlich zu Einlass sprang mir der erste Punkt ins Auge, der hier deutlich angenehmer umgesetzt wurde, als vergangenen Monat in Düsseldorf: Die Schleusen. Während bei Sido die verschiedenen Fahrzeuge durch Helfer*innen vor Ort eingewiesen wurden und es beim Zuteilen der Parkplätze immer wieder Komplikationen gab, war in Bonn deutlich eingeteilt, wer wo stehen würde. Pro Reihe waren zehn Fahrzeuge vorgesehen, dazu wurden eben diese Plätze mithilfe von Barrikaden abgeteilt. Auto Nummer 1 fuhr also in die erste Schleuse ganz links, Auto Nummer 2 rechts daneben und so weiter. Bis auf die ein oder andere Ausnahme, bei der die Fahrzeugfahrer*innen das Prinzip entweder nicht verstanden hatten oder es nicht einhalten wollten und sich somit an die falsche Stelle einsortierten, bildeten sich so in kürzester Zeit etwa 13 Reihen Autos vor der kleinen Bühne. An dieser Stelle sei auch zu betonen, dass es sich diesmal wirklich um eine Bühne mit Bildschirm darüber handelte und weniger um eine gigantische Leinwand mit Erhöhung davor. Schon vor Beginn des Konzertes fühlte es sich deutlich mehr nach Konzert an, als ich erwartet hatte. Die sonstige Organisation der Veranstaltung erinnerte an das bereits erlebte Event: Das Auto darf nur für den Gang zur Toilette oder zum Getränkewagen und nur mit Atemmaske verlassen werden, der Sound wird über das Autoradio auf der Frequenz der Location empfangen. Der zu diesem Zeitpunkt größte Unterschied war aber besonders das Wetter: Bei 30°C in der prallen Sonne wurde uns nach wenigen Sekunden klar, dass wir dieses Konzert wohl kaum hinter geschlossenen Scheiben verbringen wollen würden, und im Gegensatz zur Location in Düsseldorf bestand hier auch nicht die Pflicht, die Scheiben geschlossen zu halten. Also Fenster heruntergelassen und kurzerhand beschlossen, Snacks und Wein (natürlich nicht für die Fahrerin) auf dem Autodach zu platzieren, um sich selbst in das geöffnete Fenster zu setzen. Nach und nach übertrug sich unser Verhalten auf den Rest der Besucher*innen, sodass zu Konzertbeginn nur die wenigsten noch in ihren Autos saßen.

Vor dem eigentlichen Konzert betrat ein Mann die Bühne, der sich als “Publikumsanheizer von RTL” vorstellte. Neben ein paar Witzen zu verschiedenen Autokennzeichen machte auch er noch einmal darauf aufmerksam, dass Hupen aufgrund der anliegenden Wohngebiete strengstens verboten sei, man sich aber gerne in die Autofenster setzen oder das Cabrio-Dach öffnen könne.  Sehr persönlich und mit sehr viel Humor gab es die komplette Autokonzerte-für-Anfänger-Anleitung: Motorhaube öffnen im Falle technischer Schwierigkeiten, Lärm machen mit allen Teilen des Körpers und Autos außer der Hupe, Radiofrequenz einschalten und (besonders hervorzuheben) die Nutzung der Videokonferenz-App Zoom: Wer wollte, konnte via Smartphone der Zoom-Konferenz der Veranstaltung beitreten und sich selbst filmen. Diese Zoomkonferenz konnte das ganze Konzert über immer wieder auf die Leinwand übertragen werden, sodass unterschiedlichste Konzertbesucher*innen sich plötzlich unerwartet auf der Leinwand entdeckten.

Kaum war diese Einführung vorüber, setzte das Intro der seit 2019 stattfindenden “Andorra Tour” von Fatoni ein: “Come together” von den Beatles tönte aus den Autoradios durch die geöffneten Fenster und leise auch von der Bühne aus, leider etwas asynchron. Der nicht ganz ideale Sound, an dem wir in erster Linie ja selbst Schuld waren, weil wir nicht im Auto sondern auf dem Autodach hingen, sollte die Vorfreude und gleichzeitig Nostalgie aber nicht trüben. Im vergangenen Jahr habe ich die “Andorra Tour” in diverse Städten begleitet, zuletzt dieses Jahr in Essen, an dem Abend, an dem das Veranstaltungsverbot ausgesprochen wurde… Dieses Intro wieder zu hören und vor mir auf eine Bühne zu blicken, löste eine unbeschreibliche Menge Glückshormone in mir aus. Und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl, das ich bereits bei Sido hatte. Plötzlich verschwand das Bewusstsein dafür, dass ich in einem Autofenster saß, dass ich durch Autos von anderen Besucher*innen getrennt war, dass wir uns in einer Pandemie befinden. Als hätte dieses Intro einen Schalter umgelegt, war ich plötzlich auf einem ganz normalen Open Air Konzert, mit dem kleinen Vorteil, meine eigene Weinflasche dabeizuhaben und auf einem Autodach abstellen zu können.

Fatoni selbst merkte nach dem zweiten Song an, dass es sich sehr befremdlich anfühlte, vor so vielen Autos zu stehen und zu tun, als wäre alles normal. Scheibenwischer im Takt, Fernlicht und Warnblinker wurden auch hier zur Interaktionsmöglichkeit, aber wie gewohnt hatte Fatoni auch für diesen Abend die eine oder andere Ansage vorbereitet, um die gewöhnungsbedürftige Stimmung mit (mehr oder weniger guten) Wortwitzen aufzulockern.

“Im Gegensatz zu meinen Konzerten sonst, heute bitte keine Hupen”

Die Setlist orientierte sich größtenteils an der, die bereits auf der aktuellen Tour gespielt wurde, brachte aber Abwechslung durch die Gäste, die Fatoni mit nach Bonn gebracht hatte. Neben Drummerin Philo und DJ Vräter betraten im Laufe des Abends auch Juse Ju, Bonzi Stolle (gemeinsam mit Juse Ju Teil des Duos Massig Jiggs) und Panik Panzer (Antilopen Gang) die Bühne und performten in diversen Tracks. Neben altbekannten Featureparts, wie etwa beim Burj Khalifa Tour Remix oder des Modus Remix mit dem Titel “Zuhause” wurde das Autokino Bonn zusätzlich zum Ort einer Weltpremiere eines neuen Juse Ju Songs. “Ich hasse Autos”, feat. Bonzi Stolle & Panik Panzer, konnte seine Premiere offensichtlich an keinem besseren Ort als einem Autokino feiern. Die Chance, hierzu direkt vor Ort auch Szenen für ein Musikvideo zu drehen, ließ Juse Ju sich ebenfalls nicht nehmen. Was genau für ein Musikvideo uns da erwartet und wann es erscheint, ist derzeit noch nicht bekannt – im Rahmen der am 17.06. erscheinenden Juse Ju und Massig Jiggs Alben werde ich aber möglicherweise in meiner Rezension zu eben diesen Platten darauf zurückkommen können.

 

Die Predigt vor der Veranstaltung, sich an die Regeln zu halten, damit das ganze auch in der Zukunft weiter stattfinden kann, schien angekommen zu sein. Sehr vereinzelt gab es ein Hupen zu hören (vermutlich versehentlich mit dem Knie gedrückt bei dem Versuch, sich in das Fahrerfenster zu setzen). Bei jedem Hupen leuchtete der Bildschirm über der Bühne direkt in rot auf und warnte vor einer 150€ hohen Strafe und dem möglichen Abbruch der Show ob irgendjemand tatsächlich eine Strafe zahlen musste, wage ich zu bezweifeln und zu Unterbrechungen kam es ebenfalls nicht.

Fazit: In meinem letzten Artikel bezüglich meines ersten Autokonzertes habe ich an dieser Stelle behauptet, dass ich mir nicht anmaßen wolle, eine Prognose zur Entwicklung dieses alternativen Festivalsommers zu geben, da ich davon ausging, verschiedene Künstler*innen und Veranstalter*innen würden weiter am perfekten Konzerterlebnis arbeiten. Jetzt, nach meinem zweiten Autokonzert, muss ich sagen: Besser könnte man mit der aktuellen Situation kaum umgehen! Die Bonn.live-Reihe hat (auch mit der Unterstützung vieler freiwilliger Helfer*innen) wirklich das Beste aus dem Konzept Autokonzert herausgeholt. Besonders im Kontrast dieser beiden Konzerte ist mir bewusst geworden, was für ein wichtiger Teil eines Konzertes es ist, die Crowd tatsächlich zu sehen – was dank offener Cabrios und Menschen in Autofenstern endlich wieder der Fall war. Erst der Unterschied zum Hup-Konzert verdeutlicht auch, wie gut es dem Konzertgänger-Herz tut, mal wieder einen richtig herzlichen Applaus zu hören. Mit einem wirklich günstigen Ticketpreis und spitzenmäßiger Organisation seitens des Veranstalters kann ich an diesem Event wirklich nichts kritisieren. Für meine demnächst anstehenden Autokonzerte (Haftbefehl sowie Die Orsons) wird es möglicherweise schwer das zu toppen. Aber allein die Tatsache, dass wir uns dank vieler kreativer Köpfe wieder in einer Situation befinden, in der ich vergangene Konzerte miteinander vergleichen kann, während ich auf ein bald anstehendes warte, beweist: Das Konzept Autokino funktioniert, so verrückt es doch immer noch klingen mag.

Autorin: Nelleke Schmidt

 

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7. Juni 2020

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