Hip-Hop & KulturInterviewsMagazin

Corona vs. Deutschrap: Verschiebung der Tapefabrik – Musikkultur-Krise

28. März 2020 von

Lemur, ©Abriss Magazin Lemur, ©Abriss Magazin

Azudemsk, Haszcara, Kwam.E, Josi Miller und Dexter sind nur eine kleine Auswahl der Acts, auf die ich mich seit der Bekanntgabe des diesjährigen Lineups gefreut hatte. Ganz besonders für mich persönlich – der erste Juse Ju Gig seit Ende September. Die Tapefabrik selbst war mir bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht geläufig, aber ein bisschen Recherche und das Mitverfolgen des im Vorfeld stattfindenden Rapcontests haben auch mich mit Vorfreude auf das gesamte Event gefüllt. Mit jeder neuen Veranstaltungsabsage, die im März eintrudelte, wurde mit wachsender Vorfreude aber auch immer deutlicher, dass die Umsetzung dieses Jahr bedroht sein würde. Schon vor der ersten Empfehlung, Veranstaltungen über 1000 Personen zu unterlassen, war die Tapefabrik aufgrund ihrer Besucherzahl betroffen. Jede Verschärfung der bundeslandspezifischen Auflagen ließ die Absage näher rücken. Aber mein Ticket war gekauft, die Busse und Züge von Hamburg nach Wiesbaden und zurück gebucht, meine Schlafgelegenheit organisiert. Also weiter Daumen gedrückt, bis dann neun Tage vor dem Event die endgültige Absage folgte. Rückblickend muss ich schmunzeln, dass ich in diesem Moment tatsächlich erschrocken war. Der Gedanke, zu diesen Zeiten eine Musikveranstaltung stattfinden zu lassen, wirkt inzwischen absurd. Das öffentliche Leben ist weitestgehend eingeschränkt um die Ausbreitung des Virus zu entschleunigen, Events finden keinen Platz mehr in der aktuellen Situation. Wie bedrohlich diese Lage für viele Künstler*innen und andere Freiberufler*innen ist, zeigt sich jeden Tag erneut. Clubs bitten um finanzielle Unterstützung und melden Insolvenz an, Musiker*innen haben durch abgesagte Konzerte kaum noch Einnahmen und auch Veranstalter haben mit den Folgen zu kämpfen. Nicht nur bei den Tapefabrik-Besucher*innen, die nun mit ihren Tickets zu Hause sitzen, löste die Absage Frustrationen aus.

Maximilian Schneider-Ludorff ist Gründer der Tapefabrik und hat sich die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zur Bedeutung der Corona-Krise für die Tapefabrik zu beantworten. In Max‘ Augen ist das Event viel mehr als ein Projekt oder ein Hobby, sondern vor allen Dingen eine emotionale Angelegenheit. Ähnlich wie bei mir bestand zu Beginn auch im Veranstaltungs-Team die Hoffnung, man könne das Event doch noch im März umsetzen. Aber auch unabhängig von den Auflagen des Landes Hessen hätte man am Ende eingesehen, dass eine Terminverschiebung der Tapefabrik die einzige Möglichkeit sei, verantwortungsbewusst mit der aktuellen Situation umzugehen.

„Gerade kurz vor dem Festival geht man oft auf dem Zahnfleisch als Team und arbeitet auf diesen einen großen Glücksmoment hin – der dann einfach nicht kam.“

Doch kurze Zeit nach der Vernunft folgte auch die Einsicht. Das Tapefabrik Team ist aktuell erleichtert, die Fans schützen zu können und freut sich sehr über die verständnisvollen Reaktionen, die sie Tag für Tag erreichen. Doch Verständnis der Commmunity bezahlt eben keine Rechnungen. Bei einer Absage etwas mehr als eine Woche vor dem Event ist ein großer Teil der Kosten bereits angefallen und bezahlt. Zusätzlich sei zu erwähnen, dass die Tapefabrik im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen nicht stattfindet, um mit einem finanziellen Plus aus der Sache zu gehen. Eine ausverkaufte Tapefabrik bedeutet für Max eine ungefähre Deckung der Kosten und nicht etwa einen Gewinn, was wiederrum bedeutet, dass die Absage des Events unter dem Strich zu einem Minus führt.

Ein Vorteil der Tapefabrik bei dieser Thematik – die enge Verbindung und Zusammenarbeit mit Künstler*innen und Förderpartner*innen. Weder müssen Gagen an Künstler*innen gezahlt werden, die gar nicht auftreten, noch entfallen derzeit Fördermittel. Trotzdem gibt es auch Stellen, an denen das Geld nun fehlt. So zeigen als Beispiel nicht alle Hotelketten Verständnis für die aktuelle Situation und ermöglichen teilweise keine Rückerstattung der bereits organisierten Buchungen. Bisher kann die Veranstaltung sich jedoch auf ihre Förderer*innen und besonders das Kulturzentrum Schlachthof Wiesbaden e.V. verlassen, auch wenn es schwierig ist. Hoffnungen bestehen zusätzlich auch auf finanzielle Hilfe durch den Staat. Nachdem in diesem Jahr bereits eine kleine Förderung stattgefunden hatte, erhofft die Tapefabrik sich nun, weitere Unterstützung zu erhalten, um entstandene Ausfälle ausgleichen zu können und somit eine noch bessere Grundlage für die weitere Organisation zu schaffen.

So ernst die Lage auch sein mag, bedeutet die ganze Situation aber nicht das Aus für die Tapefabrik und auch ich werde noch in den Genuss meiner ersten kommen. Dank zahlreicher Fans, die nicht auf die Erstattung ihrer Tickets bestehen, sondern auf den neuen Termin warten, wird eine finanzielle Grundlage geschaffen, die die bisher entstandenen Kosten ansatzweise decken kann. Und selbst die nun stornierten Tickets sind nicht aus der Welt und werden – sobald der neue Termin bekanntgegeben ist – weitere Gelder einbringen, ebenso wie mögliche zusätzliche Sponsoren, die nun noch bis zum Ersatztermin gefunden werden können.

Aktuell scheint es zwei Termine in der zweiten Jahreshälfte zu geben, an denen die Tapefabrik nachgeholt werden könnte. Abwägungen, wann genau die Veranstaltung stattfinden soll, hängen besonders mit der Verfügbarkeit der Künstler*innen zusammen. Momentan wird erwartet, dass etwa 90% der Lineups aufrechterhalten werden können. Zu verdanken ist dies erneut dem ganz besonderen emotionalen Wert der Tapefabrik und der Tatsache, dass es für viele eben mehr als nur eine einfache Musikveranstaltung ist. Für den Untergrund ist die Tapefabrik ein „Happening“, wie Max es nennt. Rap-Artists, Agenturen, Managements – Gemeinsam wird auf Hochtouren an einer Lösung gearbeitet, die für alle so zufriedenstellend wie derzeit möglich ist.

Je mehr man sich mit dem ganzen Konstrukt der Tapefabrik befasst, desto deutlicher wird, dass es vor allem um eines geht – Zusammenhalt. Egal ob zwischen Veranstalter und Künstler*innen oder Managements und Booking, die Tapefabrik scheint für die gesamte Szene ein ganz besonderes Event zu sein. Deshalb will ich auch jemanden zu Wort kommen lassen, der die Tapefabrik seit Jahren als treuer Fan besucht und wissen, was dieser Abend für ihn bedeutet.

Rapper Thizzy, ursprünglich aus Wiesbaden, macht selbst Musik seit er 15 ist und beschreibt den Schlachthof als Ort seiner Kindheit, an dem er aufgewachsen ist und erstmals Kontakt zu anderen Personen im Hiphop knüpfte, die für ihn heute noch eine große Rolle spielen. Der Schlachthof selbst mit seiner dazugehörigen Außenfläche ist für Personen wie Thizzy nicht nur eine Location, sondern ein Ort der Begegnungen und Erfahrungen, die bis heute eine große Bedeutung innehaben. Schon 2012 ist er mit der Veranstaltung in Berührung gekommen, den ersten Besuch drei Jahre später beschreibt er noch heute als einen ganz besonderen Tag. Vor der Tapefabrik war Hiphop etwas, das er nur von außen betrachtet hatte, ohne selbst Teil dessen zu sein. Sein erster Tapefabrik-Besuch im Alter von 16 veränderte das und vermittelte ihm erstmals das Gefühl, ein Teil der Szene zu sein.

„Das erste Mal Tapefabrik war… krass. Dann hab‘ ich das halt zum ersten Mal so groß gesehen, wie das alles aussehen kann. Das war geil für mich, ein sehr prägendes Erlebnis. Genau deshalb freu‘ ich mich jedes Jahr so auf die Tapefabrik, egal wie oder mit wem ich dort bin.“

Und genau, weil die Tapefabrik mehr ist als nur ein Konzertabend, liegt es an uns allen, die Umsetzung zu unterstützen, auch in schwierigen Zeiten wie jetzt. Egal ob treuer Fan, der sein Ticket an Tag 1 des Vorverkaufs errungen hat, oder jemand wie ich – eine Tapefabrik-Neuentdeckerin, die doch eigentlich nur Juse Ju sehen wollte – Wir alle sitzen im selben Boot und sollten jetzt an einem Strang ziehen.

Wer das finanziell aussitzen kann, behält also sein Ticket, anstatt es zu stornieren. Und dann heißt es abwarten, bis ein Termin feststeht und wir diesen teilen können, auf diversen Plattformen, ganz unabhängig davon, ob wir selbst hinfahren können oder nicht. Jede Instagram-Story, jeder Tweet, jedes Gespräch, das die Tapefabrik in das Bewusstsein anderer Personen ruft, ist es wert. Sämtliche Veranstaltungen sind darauf aus, gesehen und gehört zu werden und die Tapefabrik braucht nun mehr Aufmerksamkeit als jemals zuvor. Untergrund schön und gut, aber jetzt muss auch die Tapefabrik ein paar neue Leute anziehen.

Wer gerade zu Hause sitzt und nicht weiß, wohin mit seinem Geld, das er sonst in Clubs, Bars und auf Konzerten gelassen hätte, kann die Tapefabrik außerdem durch den Kauf von Vinyls und Streetwear unterstützen. In Kooperation mit HHV Records gehen 10% der aktuellen Einnahmen der Shops direkt an die Tapefabrik und unterstützen des Event somit nachhaltig. Ansonsten gilt, auch von meiner Seite aus als Fazit das, was Max sagt:

„Supportet die Artists, kauft digitale Releases, streamt Spotify, kauft euch Online-Streams und seid vernünftig! Bleibt zu Hause bis es besser wird da draußen, bleibt gesund im Untergrund. Mit Liebe – Eure Tapefabrik Crew“.

Autorin: Nelleke Schmidt

 

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Nelle

28. März 2020

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