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Haszcara: “Hautnah” – 24.04.2020 – EP

24. April 2020 von

Haszcara ©BastianBochinski Haszcara ©BastianBochinski

Mitte Februar kündigte Rapperin und Produzentin Haszcara eine EP mit dem Titel “Hautnah” als Nachfolger ihres Albums “Polaris” (2018) an. Etwas mehr als zwei Monate später, am 24.04.2020, sind die vier Tracks nun ausschließlich digital zu hören – und ich habe es mir nicht nehmen lassen, vorab reinzuhören.

Die ursprünglich aus Göttingen stammende Haszcara veröffentlichte, wie schon ihr Album im Jahre 2018, unter dem Label Audiolith und arbeitete für drei der auf der EP enthaltenen Tracks mit dem Berliner Produzenten unkn0wn productions zusammen, zusätzlich zu ihrer eigenen Arbeit als Producerin. Auf Hautnah präsentiert Haszcara, was sich besonders seit Release ihres Debütalbums verändert hat und macht gleichzeitig auch deutlich, wie sie sich ihren Platz in der Szene immer wieder erneut verdient. Mit der richtigen Mischung aus Female Empowerment und Ehrlichkeit überzeugt Haszcara auch dieses Mal.

Vorweg sei gesagt, dass zwei der Songs bereits in der Zeit zwischen Ankündigung und Release der EP veröffentlicht wurden und somit die Hälfte der EP keine neuen Überraschungen liefern kann, sofern man Haszcara verfolgt. Nachdem der namensgebende Track “Hautnah” parallel zur Ankündigung der EP veröffentlicht wurde, folgte einige Zeit später die Single “Niemand der so redet” inklusive Musikvideo. Beide Tracks kreisen um das Gefühl, in der Öffentlichkeit zu stehen. Während “Hautnah” sich vorwiegend kritisch mit dem Druck , den die Öffentlichkeit auf Künstler*innen ausübt, und den daraus resultierenden Auswirkungen auf die eigenen sozialen Beziehungen befasst, widmet “Niemand der so redet” sich explizit den Neidern. Bei Release des Videos schreib Haszcara in den sozialen Netzwerken: „Von Tränen, Zweifeln und Missmut erzählen wenige“ und unterstreicht damit, dass Dankbarkeit für Erfolg und Kritik am ausgeübten Druck sich nicht gegenseitig ausschließen.

 

Mit den beiden Tracks der EP, die zuvor noch nicht veröffentlicht wurden, widmet Haszcara sich in gewohnter Manier feministischen Themen und vermittelt dabei ein bestärkendes, selbstbewusstes Frauenbild.

“Riker”, der Opener des digitalen Releases, führt mit eher sanfter Melodie und gesungener Hook gemütlich in die EP und vermittelt beim ersten Hören den Anschein, es würde sich um einen klassischen Liebessong handeln.

“Ich will dir was geben, so wie keine andere Frau, Baby / Ich will, dass du an uns glaubst, Baby”,

rappt Haszcara auf den einsetzenden Beat. Nach kurzer Zeit wird jedoch ersichtlich, dass es in “Riker” um mehr als das Verliebtsein geht. Der Track widmet sich Haszcaras Vorstellung einer gesunden Beziehung und thematisiert dabei, wie wichtig es sei, von seiner/-m Partner*in unabhängig zu sein. Mit starken Lines ermutigt sie, dass das Leben auch nach einer Beziehung weitergeht und verdeutlicht, dass Frau sich selbst die Nächste sein sollte.

„Denn ich kann nicht leiden, wenn du aggressiv bist / und ne Stunde später wieder sagst, du liebst mich / wenn du das nicht im Griff hast / Dicker, dann verzieh dich / Ja, ich schieb´ mies Abturn wenn du fies bist”

Der Track, der für mich persönlich diese EP ausmacht, ist allerdings “Schon lange”. Ohne die zuvor angesprochenen Songs zu vernachlässigen, ist diese feministische Solidaritätsbekundung sowohl musikalisch als auch lyrisch ein absolutes Highlight.

Auf diesem dritten Track macht Haszcara nicht nur deutlich, dass es alles andere als wenige Frauen in der deutschen Hip-Hop-Landschaft gibt, sondern solidarisiert sich zugleich mit ihnen. Wiederholt greift sie typische Floskeln auf, die ein Großteil weiblicher Rapperinnen in der von Männern dominierten Szene regelmäßig zu hören bekommt: „Du klingt genau wie…“. Haszcara hebt sich selbst von ihren Rapkolleginnen ab, doch aus „Was sie können, kann ich schon lange“ wird schnell „Was sie können, können wir schon lange“. Raptracks, die die Einzigartigkeit des/ der performenden Künstler*in thematisieren, sind nicht selten. Haszcara tut auf “Schon lange” aber deutlich mehr als das und präsentiert aussagekräftig den Zusammenhalt weiblicher Künstler*innen im deutschsprachigen Rap.

„Ich versteh´s nicht, wieso sie denken, wir wären ähnlich / weil die meisten von uns was in sich tragen für Babys / Ich find´ alle diese Girls dope / aber jede von uns ist ein anderes Girl, Bro“

Im Anschluss an die eigentlichen Lyrics ist es für Haszcara allerdings noch nicht an der Zeit, sich nun einem anderen Thema zu widmen. Die letzten 60 Sekunden des Tracks bestehen schlicht daraus, Solidarität zu zeigen, indem Shoutouts verteilt werden. Babsi Tollwut, Lady Bitch Ray, Lumara, Hayiti, Nura, Presslufthanna, Liser, Cora E., Eunique und Loredana sind nur ein kleiner Bruchteil der an dieser Stelle aufgelisteten Künstlerinnen. Und nicht nur Musikerinnen werden genannt. DJs, Writerinnen und Veranstalterinnen werden ebenso gewürdigt wie B-Girls und Produzentinnen.

Zusätzlich erschien am Vortag der EP ein dazugehöriges Musikvideo. Eigentlich war ein reguläres Video geplant, doch auch Haszcara blieb von der aktuellen Corona-Krise nicht unbetroffen und musste sich spontan umstrukturieren – und wendete sich dafür direkt an ihre Community. In den sozialen Netzwerken rief sie dazu auf, DIY-Videos an sie zu schicken, die sie für einen Track “gegen Doppelmoral und für Solidarität” verwenden wolle. Auch, dass sie ein „Riesenshoutout mit allen fe_male Rapper*innen im deutschsprachigen Raum“ – oder zumindest einer großen Menge – plane, teaserte sie im Rahmen dieser Postings an und bat die Möglichkeit, Künstler*innen zu nennen, die ihr selbst bisher nicht bekannt waren. Das Ergebnis dieser gemeinschaftlichen Aktion gibt es seit dem 23.04. zu sehen:

 

Mit ihrer “Hautnah” EP zeigt Haszcara wieder einmal, dass sie nicht nur thematisch, sondern auch musikalisch von den verschiedensten Seiten her überzeugen kann. Obwohl jeder der vier Tracks seine ganz eigene Botschaft hat und von einem ganz eigenen Sound unterstützt wird, zieht sich ein roter Faden durch die EP. Egal, welchem Thema Haszcara sich widmet – die Künstlerin präsentiert sich selbstbewusst, feministisch und solidarisch, wo sie kann. Das einzige, was mir zu kritisieren bleibt: Schade, dass es sich nur um vier Tracks handelt (wovon zwei schon bekannt waren) und man dieses aussagekräftige Stück Musik nicht noch deutlich länger laufen lassen kann.

Autorin: Nelleke Schmidt

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Nelle

24. April 2020

2 Kommentare

  1. Lars Lewerenz24. April 2020 - 19:26Uhr

    😍

  2. Li24. April 2020 - 19:48Uhr

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