Interviews

Pyro One: “Dazwischen”, Labels, die unendliche Geschichte (Text)

14. Oktober 2016 von

Pyro One Portrait 2016 © Pyro One, Pressebild

Am 21.10.2016 kommt der vierte Longplayer „Dazwischen“ über Birds Avenue heraus. Es gibt auch schon Termine für die Release-Parties: Am Releasetag selber wird im Cassiopeia, Berlin und am 22. Oktober im Hamburger Nochtspeicher gebürtig gefeiert. Ein schöner Anlass, um ein kleines Interview mit Pyro One zu führen.

Hi Pyro One. Ich hoffe, Dir geht’s gut? Erzähl uns doch zuerst was zum neuen Album “Dazwischen”: Worum geht es dieses Mal thematisch, wer hat das Artwork gemacht und gibt es ein Konzept?

Alles gut bei mir. Vor einem Release gibt es immer viel auf und um die Ohren. Aber ich finde, das ist eigentlich ein ganz positiver Stress, da ich jetzt weiß, dass die neue Musik bald bei den Leuten ankommt und ich nicht mehr länger warten muss. Ich hatte thematisch kein Konzept, welches sich durch die Platte zieht, da bin ich ganz bei mir geblieben.

Was ich konzeptionell angegangen bin, ist der Sound der Platte. Ich wollte mehr Wärme, mehr geile „echte“ Drums, mehr Soul und gleichzeitig aber auch Punk. Ich hatte Lust, mich komplett auszutoben und mir die größtmögliche Freiheit zu nehmen, alles zu machen, worauf ich Lust hatte, ohne gleich an mögliche Ergebnisse zu denken. Das führte dazu, dass ich viel mehr in die Produktionen involviert war und meine Arbeitsweise sich bei dieser Platte ziemlich verändert hat. Viele Songs sind in gemeinsamen Sessions mit den Produzenten entstanden. Ich hab denen in die Beats und Sounds reingequatscht und genauso durften sie das bei meinen Lyrics. Dadurch entstanden sehr feine Teamkonstellationen, die den Songs sehr gut getan haben.

Bei meinem Artwork zur Platte stand schon vor dem ersten produzierten Sound fest, dass Nina Hannah Kornatz das komplette Artwork übernehmen wird. Nina ist eine tolle und mega talentierte Künstlerin. Wir kennen uns schon jahrelang und haben die jeweiligen künstlerischen Entwicklungen immer eng verfolgt. Sie arbeitet normalerweise viel großflächiger und ich finde es spannend, wie sie ihre Arbeitsweise auf ein Plattencover übertragen hat. Ich bin schwerst begeistert, wie sie die „Dazwischen“-Thematik auf die visuelle Ebene übertragen hat.

Also neben meiner neuen Musik sollten die Leute unbedingt ihre Arbeiten auschecken. Ich hab bereits ein „Kornatz“ bei mir hängen. (Anm. d. Red.: http://www.ninakornatz.de/)

Ein paar Fragen für unsere Leser, die Dich mit diesem Interview kennenlernen: Was für ein Mensch bist Du, wie würdest Du Deine Musik beschreiben und wie verbringst Du Deine freie Zeit, wenn Du gerade mal keine Musik machst?

Ich bin auf jeden Fall ein Mensch. Ich brauche Sauerstoff, Wasser, gehe auf das Klo und muss für mein Essen arbeiten gehen. Meine Musik zu beschreiben bzw. auch mich als Künstler finde ich immer schwierig und doof. Das was ich preisgeben möchte, zeig ich durch meine Songs und wer mehr erfahren möchte, kann mich mit Glück nach Konzerten am Tresen treffen.

Du bist von Album zu Album textlich immer pittoresker geworden, Du nutzt also viele Bilder, im Kopf schaffende Szenarien. Auch sind viele Texte recht kryptisch. Mir kommt es beim Hören gerne so vor, als würde ich durch ein Kaleidoskop schauen, wenn ich Deine Texte höre. Behältst Du diesen Stil auf „Dazwischen“ bei?

Das Bild mit dem Kaleidoskop find ich definitiv passend. Mit geht es oft um Atmosphäre. Ich will anspruchsvolle Lyrics, die die Leute beschäftigt. Das ist keine Fast Food-Mucke. Ich will das in den Texten immer wieder was zu entdecken ist. Klar gibt es Songs, wo die Thematik sofort eindeutig erkennbar ist. Wirklich spannend finde ich Ansätze, wo ich ausgelatschte Pfade verlasse und beginne Themen neu zu sortieren. Ich hab Lust, dass beim Hören das Kopfkino angeht. Ich will Emotionen auslösen, Fragen sollen entstehen, ich will Spielraum lassen für Interpretationen. Da wird der Austausch zwischen mir und Hörern spannend. Kaleidoskop, Puzzleteile oder Bruchstücke umschreiben ziemlich gut meinen lyrischen Ansatz. Ich denke, ich bin mir auf „Dazwischen“ ziemlich treu geblieben. Gleichzeitig hab ich die ein oder andere „kryptische“ Spielerei zugunsten der inhaltlichen Klarheit weggelassen. Die Leute werden von mir also nicht komplett verwirrt.

Bei „Deplatzierte Glückskinder“ vom vorherigen Album „Ausgezogen aus Nimmerland“ z. B. erwähnst Du Fuchur und auf Facebook schreibst Du in Deinen aktuellen Postings ab und an „Morla“. Inwieweit beeinflusst und beeindruckt Dich „Die unendliche Geschichte“ in Deinem Dasein?

Ich bin ein ewiger Kindskopf. Mal will ich Peter Pan sein, mal die kindliche Kaiserin. Wer sein inneres Kind nicht bewahrt, hat doch schon verloren. Die unendliche Geschichte ist eines meiner Lieblingsbücher aus meiner Kindheit und hat bis heute nix von ihrem Reiz verloren. Seid Morla, seid Fuchur, seid die kindliche Kaiserin. Seid nicht wie Bastian, der Schisser nervt.

Auf Deinen vorherigen Alben und anderen Veröffentlichungen hast Du gerne wiederkehrende Features von Kobito, Refpolk oder Sookee. Wird es  auf dem neuen Longplayer auch Gäste geben? Verrätst du schon wer, und sind evtl. Überraschungen dabei?

Überraschend hab mich nicht aus dem kleinen TickTickBoom-Kosmos heraus bewegt. Es gibt nur zwei Features, da sich auf der Produzenten Ebene viel getan hat. Ich hab aus dem Neonschwarz-Clan Marie Curry auf einem Track mit dabei. Mein „Aufstand der Rucksäcke“ Herz Refpolk, darf natürlich nicht fehlen und ist ebenfalls auf einem Song mit von der Partie.

Viele Features auf die ich große Lust hab, hab ich für spätere Projekte aufgespart. Die meisten der neuen Songs waren recht schnell inhaltlich so rund, dass ich nicht die Notwendigkeit für Gäste sah bzw. haben wir mögliche Freiräume eher durch Instrumente etc. gefüllt.

Du rappst oft auf sehr atmosphärischen und teils vertrackt elektronischen Produktionen in Deinen Tracks. Die Beats sind von Majus Beats und LeijiONE. Gibt es auf dem neuen Release weitere Producer? Was hältst Du vom Trap- und Cloud-Rap-Hype?

Meine bisherigen Alben sind eng mit LeijiONE verknüpft. Er hat die Platten produziert. Wir haben in seinem Studio recordet und er war für die Artworks der vorherigen Alben verantwortlich. Dazu waren wir mehrere Jahre live zusammen unterwegs. Vor dem neuen Produktionszyklus war für mich klar, dass ich diese Routine durchbrechen mag. Ich wollte neue Arbeitsweisen, schauen welche Dynamiken entstehen und mich auf neue kreative Prozesse einlassen. LeijiONE hat die neue Platte gemischt, blieb also involviert.

Mit Majus Beats hab ich bisher nur während der „Aufstand der Rucksäcke“-EP zusammengearbeitet. Er ist mein Partner in Crime. „Dazwischen“ ist in seinem Studio entstanden. Er hat mehrere Produktionen auf dem Album und wird mich auf den Release-Konzerten an den Drums begleiten. Da hat es gefunkt, und ich denke, da gibt es in Zukunft noch einiges auf die Ohren.

Flox Schoch hat mit mir zwei Songs produziert. „Blechkarton“ ist ein sehr gutes Beispiel für die neue Herangehensweise: Er zeigte mir damals einige Beatskizzen, mit denen ich allerdings nicht viel anfangen konnte, und dann zeigte er mir den Ansatz dieses verjazzten Sample-Beats. Er konnte sich anfänglich überhaupt nicht vorstellen, wie daraus ein Song werden soll. Im Endeffekt gibt es jetzt einen Song, auf dem ich klinge wie noch nie zuvor und seine Produktion ist nur schwer mit seinem restlichen Output zu vergleichen. Das ist mein „Dazwischen“, konsequent außerhalb der „Box“ denken.

Mein neuer Labelchef, der Hamburger Len Kurios, hat einen Song produziert. Ich war in Bremen, um mit Kaos Kanji von Radical Hype den Track „Zona Rosa“ zu produzieren – für mich einer der wichtigsten Songs der Platte, da die ersten Zeilen, die ich zu diesem Album geschrieben habe, von diesem Track stammen. Der Song war mein Türöffner, der mir verdeutlicht hat: Diese Atmosphäre und diese Sounds will ich auf dem Album.

Mit Riva von Anarchist Academy hab ich auch einen Song zusammen geschraubt. Mit Foresta ist ein weiterer Song entstanden, wo ich sehr auf die Resonanz gespannt bin. In meinem Bekanntenkreis sorgt dieser Song immer für angeregte Diskussionen. Abschließend gibt es noch einen Track, bei dem „Das Flug“ produziert hat. Lange Liste an tollen Menschen, die mit mir zusammengearbeitet haben. Das Endergebnis lässt sich, wie ich finde, trotz dieser Fülle entspannt am Stück hören. Der rote Faden bin ich.

Als Rap-Fan verfolge ich interessiert Entwicklungen rund um Hip Hop. Trap und Cloudrap hab ich auf dem Schirm, so wie vieles andere auch. Weiterentwicklungen find ich erstmal allgemein spannend. Es gibt da aber sicher größere Experten als mich.

Gleiches wie bei den Features kann ich auch zu den Beats fragen: Auf vorherigen Veröffentlichungen experimentierst Du gerne mal mit anderen Genren wie ravigen Dubstep, teckigen Breakbeat oder sogar Metal bzw. punkigen Einflüssen. Gibt es auf „Dazwischen“ auch wieder solche Ausflüge?

„Dazwischen“ ist ein kompletter Ausflug. Ich hab wenig Interesse an musikalischen Kategorien und Zuschreibungen. Ich möchte mich nicht einschränken. Aufgewachsen mit dem Sound der Golden Era, Reggae, Jungle etc., und bis heute Fan, feiere ich aber auch gleichzeitig aktuelle Bassmusik, die ein oder andere Gitarrenband usw.

„Dazwischen“ ist eindeutig Boom bapiger als die Vorgänger. Gleichzeitig gibt es aber auch auf mehreren Songs Gitarren und der Track mit „Das Flug“ ist überraschenderweise keine Kuschel-Rock-Nummer geworden. Ich bin musikalisch frei, und daher mach ich alles, was ich fühlen kann und worauf ich Bock hab.

Deine letzten Alben wurden über Twisted Chords veröffentlicht. Weiterhin hast Du eng mit Springstoff zusammengearbeitet. Wieso kam Dein Wechsel zu „Birds Avenue“? Wird es neben dem CD und Digital-Vertrieb auch eine Vinyl geben?

Twisted Chords hab ich jede Menge zu verdanken: Wunderschöne Erinnerungen an die Label-Touren und die Möglichkeit, meine ersten Releases zu veröffentlichen. Nach der “Ausgezogen aus Nimmerland”-Platte, hab ich ja schon mehrfach erwähnt, stand mir der Sinn nach Veränderung. Durch musikalische Überschneidungen und gemeinsame Bookingaktivitäten lag es nah, mit Springstoff zu kooperieren. Aus unterschiedlichen Gründen ist dann „Dazwischen“ dort nicht erschienen. Das ist okay und hat für eine Erweiterung meines Erfahrungsschatzes im Bereich Musikbusiness gesorgt. Außerdem ist es ziemlich credibil und jeder Künstler sollte in seiner Biografie stehen haben: „Album verschoben aufgrund von Labelkram“.

Durch diese Entscheidung entstand für mich eine neue Situation: Fertiges Album, kein Label und quasi musikalischer Freelancer. Ich hab ein paar Gespräche geführt und am Ende hat Birds Avenue einen Koffer voll Gold bei mir abgestellt. Ganz einfach. Musikbusiness halt.

Nach dem aktuellen Stand releasen wir digital und als CD. Vinyl wäre toll. Das müssen wir aber einfach mal abwarten. Da es nicht mein letztes Release gewesen sein wird, bin ich in dem Punkt aber entspannt.

Du bist auch aktiv im Rap- und Hip-Hop-Kultur-Kollektiv „Ticktickboom“. Erzähl uns bitte mehr dazu: Was ist das? Gibt es da demnächst neues?

Zu TickTickBoom gibt es viel zu lesen, ich verkürze die Antwort mal auf ein schönes Zitat von Spezial-K oder Radical Hype, da bin ich mir nicht mehr ganz sicher: „Wir kotzen Rap ins Wohnzimmer.“ Das Kollektiv verbindet viele Leute, es ist in Bewegung. Es verändert sich und wir werden sehen, was als nächstes kommt. Aktuell sind viele der Acts an eigenen Projekten dran und fokussieren sich in diese Richtung.

Beim Track „Maulfesseln“ wirfst Du Rap-Medien vor, „Bombenlegern am Mic kein Forum zu geben und das sie kontroverse Themen wegschwafeln“ würden. Beim Track „#14/15“, eine Art Endjahresabrechnung mit Deutschrap, machst Du auch Deinem Unmut über die deutsche Raplandschaft Luft. Was stört Dich an Rap und den dazugehörigen Medien?

“Rap-Medien in Deutschland” ist ein spezielles Thema und könnte locker Gegenstand eines eigenen Interviews sein. Für mich ist es ganz klar, solange die Magazine nicht über mich berichten, sind sie nicht seriös und scheiße. Ihr macht also gute Arbeit.

Rap in Deutschland und im Allgemeinen sind meine große Hassliebe. Ziemlich alles, was ich gesellschaftlich zum Kotzen finde, wird in Rap reproduziert. Gleichzeitig gibt es genügend tolle Sachen. Ich arbeite mich daran oft ab, häufig ist es mir auch egal. Ich bin ein leidenschaftlicher Hater, der ziemlich viel ganz schlimm findet. Andererseits kann ich völlig euphorisch sein und übertrieben „Liebe“ geben, wenn mich etwas begeistert.

Mit „Bengalo“ bekam Anfang des Jahres bereits ein erster kurzer Track des neuen Albums ein Video. Er wirkt recht brachial und teils düster aggressiv. Spiegelt es auch das Soundbild des restlichen Albums wieder? Wird es noch weitere Video-Veröffentlichungen geben?

Bengalo ist das Intro der Platte und mir war es wichtig, vor der ONE WAY TICKET TOUR mit Daisy Chain, Refpolk und Spezial-K zu signalisieren: Liebe Leute, auf der Tour gibt es bereits neue Musik auf die Ohren.

Bengalo gibt die Richtung für die eher klar politischen Songs der Platte vor. Er ist zwar düster und geht nach vorne, gleichzeitig wird an ihm schon gut erkennbar, dass die elektronischen Sounds eher organischen gewichen sind. Das Album ist nicht düster.

Ich arbeite im Moment noch an einer Reihe von Videos. Vor dem Release wird das Video zu „Motto Falling Down“ erscheinen. Wir arbeiten an einem speziellen Format zum Song „Flaschenpost“ und auch „Zona Rosa“ wird von uns noch visualisiert. Es gibt also reichlich auf die Augen.

 

Vielen Dank für Deine Zeit und das Interview.  Möchtest Du uns noch etwas sagen oder der Welt mitteilen?

Der obligatorische Werbeblock: Liebe Leute, unterstützt kleine Strukturen. Bestellt das Album direkt via Birds Avenue vor. Hört in die neue Platte rein und besucht uns bei Konzerten und teilt, zum Teufel nochmal, die Videos. Facebook will mich unten halten. Ich schwöre!

 

„Dazwischen“ vorbestellen bei:
Birds Avenue: CD.
Das Label mit dem Hund: limitierte Kassette.

„Dazwischen“ Release-Shows:
Berlin, 21.10.2016
Hamburg, 22.10.2016

Pyro One bei:
Facebook

Rypzylon Maligne

14. Oktober 2016

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